Dorfgerichtsplätze im Altkreis Eschwege

Man legete einen teppech ûf daz gras,
dâ vermûret und geleitet was
durch den schaten
(= wegen des Schattens) ein linde.

Diese Verse aus Wolfram von Eschenbachs um 1210 entstandenem Parzival (185, 27) stellte Karl Frölich, dem wir wesentliche Erkenntnisse über die Dorfgerichtsplätze verdanken, an den Anfang seines Beitrags über "Geleitete und gestufte Linden auf hessischen Dorfplätzen"; die Verse beweisen, daß es schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts ummauerte und geleitete Linden gab.

Rechtshandlungen unter der Linde (sub tilia) sind in Oberhessen seit der Mitte des 13. Jahrhunderts urkundlich belegt: Consummatus est contractus sub tilia Gemunde (Gemünden/Wohra) um 1240, Acta sunt hec Hegene (Haina) sub tylia 1264. Solche Belege gibt es für das Werraland nicht. Auch kennen wir im Altkreis Eschwege keine so eindrucksvolle ummauerte, geleitete und gestufte Linde wie die von Frölich (a.a.O.) abgebildete Dorflinde in Felsberg-Hilgershausen.

Wenn gleichwohl der Altkreis Eschwege als Beispiel gewählt wurde, so deshalb, weil hier nahezu in jedem Dorf ein "Anger" mit Dorflinde(n) nachgewiesen werden kann. Das bestätigt die Aussage des Frankenberger Stadtrechtsbuchs 1493: Eyne itzliche staedt ader dorff hait eyne eygen stedde, gerichte da uffe zu halden. Daselbst sal man all uffene gerichte halden, alle plichtage, eyde, kunde tzu fueren ader zu gewarten an dieselben stedde leygen und bescheiden, wanth dy stedde synt von dem keyßer sunderlichen da zu gefryet. Daß ist da umbe, daß der fremde so woel wisß als der heymsche, wo he recht geben und nemen sull.

Die Städte – Eschwege, Waldkappel und Wanfried – bleiben hier außer Betracht, ebenso die früheren Höfe Altefeld und Eltmannsee, die erst später zu Dörfern wurden. So geht es insgesamt um 67 mögliche Dorfgerichtsplätze.

In mittelalterlichen Quellen sind nur zwei fragwürdige Hinweise auf Dorfgerichtsplätze zu finden: 1388 nennt ein Zinsregister in Schwebda einen Zins de agro et pratulo locatum ad placitum, ein Nachtrag zum Zinsregister von 1394 in Aue einen Zins de quinque agris apud tyliam. In einer Urkunde von 1503 geht es um Haus und Hof zu Vockerode an dem Anger.

Größer ist die Ausbeute in den Katastern und Katasterkarten des 17.-19. Jahrhunderts im Staatsarchiv Marburg. Hier finden sich Belege für 53 der 67 Dörfer. In 12 weiteren Dörfern gibt es heute noch Lindenplätze; zum Teil wurden sie neu wieder angelegt oder umgestaltet. In Markershausen standen früher 2 Linden an der Kirche. Lediglich für Frauenborn war kein Hinweis auf einen Dorfgerichtsplatz zu finden; die wenigen Einwohner gingen nach Willershausen zur Kirche und möglicherweise auch zum Gericht. In der Karte sind die Ortspunkte der Dörfer, in denen ein Anger oder eine Dorflinde nachgewiesen werden konnte, ausgefüllt; nur in Frauenborn bleibt der Ortspunkt leer. Zusätzlich sind die Gerichtszugehörigkeiten nach dem Dorfbuch des Ökonomischen Staats Landgraf Wilhelms IV. von 1585 dargestellt, um das Verhältnis der Dorfgerichtsplätze zur damaligen Gerichtsorganisation zu veranschaulichen.

Die Gerichte im Amt Eschwege

Das Dorfbuch nennt im Amt Eschwege zunächst 2 einzelne Dörfer: Frieda und Grebendorf. Es folgen die Gerichtsstühle Abterode und Germerode, die zusammen das Gericht Bilstein bildeten. Es setzte sich zusammen aus dem alten Gericht Bilstein (Gerichtsstuhl Abterode) und dem alten Klostergericht Germerode. Die Gerichtsstätte lag auf dem Katzenloh nördlich Weidenhausen, und die Schöffen auf dem Katzenloh waren schon vor der Säkularisierung auch für das Kloster Germerode zuständig und haben im Kloster Gericht gehalten.

Das zum Amt Eschwege gehörende Gericht Boyneburg hatte seine Gerichtsstätte ursprünglich wohl auf der Boyneburg, wo sich im 16. Jahrhundert auch ein Gefängnis befand und 1720 eine Linde stand. Eine gewisse Sonderrolle innerhalb des Gerichts Boyneburg spielte das Gericht Jestädt, das mit 12 Schöffen – 6 aus Jestädt, 4 aus Neuerode und 2 aus Motzenrode – besetzt war und unter der Linde auf dem Klingen vor dem Dorf, später unter der Linde auf dem Anger im Dorf tagte. Galgen als Zeichen für Richtstätten sind in der Mercator-Karte von 1592 nordwestlich der Boyneburg an der Netra und östlich von Netra eingezeichnet. Nicht zu einem dieser Gerichte gehörende Dörfer waren Dörfer des Adels, darunter Völkershausen, das zum Amt Eschwege zählte, nicht zum kleinen Amt Wanfried.

Das zum Amt Sontra gehörende Gericht Treusch v. Buttlar hatte seine Gerichtsstätte ursprünglich wohl auf der Burg Brandenfels. Richtstätten gab es nach den auf der Mercatorkarte von 1592 eingezeichneten Galgen sowohl nordwestlich Altefeld zwischen Renda und Lüderbach als auch östlich von Willershausen; der gerichtsplatz bei Gut Hohenhaus in der Kataterkarte von 1766 war wohl ebenfalls eine Richtstätte. Im Amt Sontra lagen auch das Dorf Wommen und die Adelsdörfer Herleshausen, Mitterode und Stadthosbach. Zum Amt Spangenberg gehörte das Gericht Burghofen, zum Amt Lichtenau das Adelsdorf Friemen.

Besonderheiten

An Besonderheiten lassen einige Katasterkarten eine Ummauerung der Anger erkennen, die sich z.T. bis in unsere Tage erhalten hat. Eine frühere "Leitung" der Linden ist noch erkennbar in Archfeld, Breitzbach und Holzhausen. Steintische (und Steinbänke) sind erwähnt in Eltmannshausen, Frankershausen, Frieda, Hitzelrode, Hitzerode, Netra und Vockerode (neben Gemeindestein unter Linde an anderer Stelle), erhalten sind sie in Altenburschla, Frankenhain, Jestädt, Kirchhosbach, Neuerode, Rambach, Rodebach, Völkershausen und Wolfterode. Halseisen an der Linde nennt Frölich für Archfeld und Renda. In Alberode ist am Backhaus beim Anger ein Rest der Kette des gestohlenen Halseisens zu sehen. In Aue und Grandenborn gab es Halseisen an anderer Stelle, nicht am Anger.

Der Anger war nicht nur Gerichts-, sondern auch Festplatz: Tanz auf dem Anger ist 1603 für Heldra belegt, als Tanzplatz wird der Anger 1844 in Datterode und 1872 in Eltmannshausen bezeichnet. Von dieser Funktion der Anger zeugen auch noch die Musikantenhäuschen in Niederdünzebach (1984 wiederaufgebaut) und Oberhone sowie die Musikantentribüne in Germerode. Tanz auf dem Anger gab es in jüngerer Zeit noch in Abterode, Altenburschla, Frankenhain, Frankershausen, Hitzerode, Jestädt, Reichensachsen, Röhrda, Schwebda und Willershausen.

Stand: Dezember 2014

Literatur

  • Einzelnachweise in meinem Beitrag „Vorarbeiten zu einem Rechtshistorischen Atlas, 2. Dorfgerichtsplätze im Altkreis Eschwege“, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 51, 2001, S. 68–81.
  • R. W. Brednich, Tie und Anger. Historische Dorfplätze in Niedersachsen, Thüringen, Hessen und Franken, Friedland 2008 (dazu meine Besprechung in ZRG GA 126, 2009, S. 559-561)
  • A. Lenzing, Gerichtslinden und Thingplätze in Deutschland (Die blauen Bücher), Königstein im Taunus 2005 (dazu meine Besprechung in ZRG GA 129, 2009, S. 648f.)
  • A. Zehnsdorf, Thüringens merkwürdige Linden (Thüringer Hefte für Volkskunde 16), Erfurt 2009
  • W. A. Eckhardt, Gerichtsstätten in Hessen, in: www.lagis-hessen.de, seit 2011 (dazu Besprechung von Peter Oestmann in ZRG GA 130, 2013, S. 532f.)
  • W. A. Eckhardt, Dorfgerichtsstätten im nördlichen Hessen, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 62, 2012, S. 183-196.

Wilhelm A. Eckhardt