Das Reich im 17. und 18. Jahrhundert: „Flickenteppich" oder Reichskreise?

Nach einer weitverbreiteten Vorstellung sah die Landkarte des alten Reiches im 17. und 18. Jahrhundert wie ein "Flickenteppich" oder eine "Narrenkappe" aus.

1. Deutsche Kleinstaaterei

Wenig bekannt ist jedoch, dass dieses Bild mehr ein Dokument der Zeit nach der Bismarckschen Reichsgründung 1871 ist als der Epoche des 30jährigen Krieges. Diese Karte erschien erstmals 1877 in Friedrich Wilhelm Putzgers Historischem Schul-Atlas, wurde seitdem in über 100 Auflagen dieses Werkes verbreitet und sieht auch in modernen Ausgaben wenig anders aus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der "Putzger" eines der am meisten gedruckten Bücher Deutschlands. Die Karte wurde ähnlich auch in anderen Geschichtsatlanten übernommen.

Offenbar war es ihre Funktion, "durch einen Blick" die "deutsche Kleinstaaterei" und "territoriale Zerrissenheit" vor Augen zu führen, die die Einigung Deutschlands durch Preußen legitimieren sollte (die zitierten Vokabeln stammen aus dem Vorwort zur 24. Auflage des Putzger von 1900 und bezogen sich auf die 1893 neu aufgenommen Karten zur Geschichte Bayerns, Badens, Württembergs und der Wettinischen Lande vor der Französischen Revolution).

2. Darstellungen des 17. und 18. Jh.

Wie aber sah das Reich in zeitgenössischen Karten und Atlanten des 17. und 18. Jahrhunderts aus? Es erschien nicht zersplittert in kleine und kleinste Territorien, sondern in seiner Einteilung in Reichskreise. Auf diese Weise sah es fast wie eine Karte der heutigen deutschen Bundesländer sowie Österreichs und der Benelux-Länder aus. Die zehn Reichskreise wurden nach Anläufen in den Landfrieden des 14. und 15. Jahrhunderts unter Kaiser Maximilian 1512 eingerichtet und blieben seit einer Neueinteilung 1521 bis zum Reichsdeputationshauptschluß 1803 bzw. dem Ende des Reiches 1806 im Wesentlichen unverändert. In den einzelnen Reichskreisen waren jeweils verschiedene Reichsstände verbunden. Nur wer Sitz und Stimme auf einem Kreistag hatte, hatte auch Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Die Reichskreise hatten Aufgaben in der Landfriedenswahrung und Verteidigung, bei der Exekution reichsgerichtlicher Erkenntnisse sowie im Münz- und Policeywesen. Der Kreistag wählte für die militärischen Aufgaben einen der ihm angehörigen Fürsten zum Kreisobersten. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 standen ihm die kreisausschreibenden Fürsten zur Seite. Die Reichskreise besetzten die Stellen im Reichskammergericht. Fünf Reichskreise waren aus wenigen privilegierten (kaiserlichen und kurfürstlichen) Reichsständen und fünf erheblich aktivere aus zahlreichen Ständen minderen Ranges zusammengesetzt. So sind zu unterscheiden:

3. Zwei kaiserliche Reichskreise

  1. Österreichischer Reichskreis (das heutige Österreich mit Südtirol und dem heutigen Slowenien, aber ohne Salzburg; dazu gehörten auch die im heutigen Baden-Württemberg und im Elsaß gelegenen vorderösterreichischen Länder, was auf der Karte von Homann allerdings nicht deutlich wird),
  2. Burgundischer Reichskreis (die heutigen Benelux-Staaten ohne das Fürstbistum Lüttich, das zum westfälischen Reichskreis zählte, seit 1648 ohne die Niederlande, seit 1679 ohne die Freigrafschaft Burgund).

4. Drei kurfürstliche Reichskreise

  1. Kurrheinischer Reichskreis (Kurmainz, Kurtrier, Kurpfalz und einige wenige kleinere Territorien),
  2. Obersächsischer Reichskreis (Kursachsen mit Thüringen, Kurbrandenburg mit Pommern und einige wenige kleinere Territorien),
  3. Baierischer Reichskreis (Salzburg, (Kur)baiern und einige wenige kleinere Territorien).

5. Fünf Reichskreise kleinerer Stände

  1. Schwäbischer Reichskreis (ungefähr das heutige Bundesland Baden -Württemberg ohne die fränkischen Teile im Norden und die vorderösterreichischen Territorien),
  2. Oberrheinischer Reichskreis (ungefähr die heutigen Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz, soweit sie nicht zu einem kurfürstlichen Territorium und damit zum kurrheinischen Kreis gehörten; ferner bis 1735 das Herzogtum Lothringen),
  3. Fränkischer Reichskreis (die Hochstifte Bamberg und Würzburg und Eichstätt, die Fürstentümer Ansbach und Bayreuth, zahlreiche Reichsstädte und kleinere Territorien, also ungefähr die drei fränkischen Regierungsbezirke des heutigen Bundeslands Bayern)
  4. Westfälischer Reichskreis (ungefähr das heutige Bundesland Nordrhein-Westfalen, soweit es nicht zu einem kurfürstlichen Territorium und damit zum kurrheinischen Reichskreis gehörte; dazu die westlichen Teile des heutigen Bundeslandes Niedersachsen),
  5. Niedersächsischer Reichskreis (der östliche Teil des heutigen Bundeslandes Niedersachsen, Mecklenburg, Holstein, nicht Schleswig, das zu Dänemark gehörte, sowie das heutige Sachsen-Anhalt ohne die Altmark, die zum obersächsischen Reichskreis gehörte).

6. Ohne Reichskreis

Zu keinem Reichskreis gehörte das Königreich Böhmen mit Mähren und Schlesien.

7. Mehrere Reichskreise

Ein Fürst konnte auch zu mehreren Reichskreisen gehören. Friedrich der Große gehörte z.B. als Markgraf von Brandenburg zum obersächsischen, als Herzog von Magdeburg zum niedersächsischen und als Herzog von Kleve und Graf von Mark und Ravensberg zum westfälischen Reichskreis. Als König von Preußen, wozu seinerzeit nur das spätere Ost- und Westpreußen zählten, und Herzog von Schlesien stand er außerhalb des Reiches und der Reichskreise.

Karten: Hohmann, Johann Baptist, Römisch deutsches Reich, genau eingeteilt in seine Kreise, Kurfürstentümer und Stände (Imperium Romano Germanicum in suos Circulos, Electoratus et Status accurate distinctum); Nürnberg um 1705 (Zustand vor 1648); Putzger, Friedrich Wilhelm, Deutschland im 17. Jahrhundert. In Historischer Schul Atlas zur alten, mittleren und neuen Geschichte, 1. Auflage, Bielefeld und Leipzig 1877.

Literatur

  • Wolf, Armin, 100 Jahre Putzger 100 Jahre Geschichtsbild in Deutschland (1877 1977). In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 29 (1978) 702 718
  • Wolf, Armin, What can the history of historical atlases teach? Some lessons from a century of Putzger's ,Historischer Schul Atlas`. In: Cartographica, Toronto, 28 (1991) 21 37; Dotzauer, Winfried, Die deutschen Reichskreise 1383 1806, Stuttgart 1998.

Armin Wolf